Krebs Aktuell | 16. November 2025
Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt
Kennst du diese Momente, in denen das Leben dich auf den Gipfel trägt, dich einen kurzen Blick auf etwas Großartiges werfen lässt, um dich gleich darauf wieder hinunterzustürzen? Genau so fühlten sich die letzten zwei Wochen für mich an. Eine Achterbahn aus Freude und Enttäuschung, aus Lachen und Tränen, zwischen Himmel und Abgrund.
Angefangen hatte alles ganz harmlos mit einem Klassentreffen. 30 Jahre, nachdem ich zuletzt die Tür meines Gymnasiums geschlossen hatte, öffnete ich sie wieder. Alte Flure, neue Gesichter und ganz viele Erinnerungen an meine Jugendträume. Danach beim Essen mit den ehemaligen Mitschüler:innen fühlte ich mich lebendig und dankbar. Dass ich all diese kleinen, wertvollen Momente noch erleben darf, ist ein großes Geschenk.
Doch als ich spät abends voller Glück heimkam, wartete bereits eine andere Realität auf mich. Ein Brief lag im Briefkasten, nüchtern und kalt. Der Radiologiebericht und der Tumorboardbeschluss. Vielleicht erinnerst du dich, wie glücklich ich war, weil ich dachte, ich sei tumorfrei? Das war ein Fehler. Ein schmerzhafter Fehler. Eine Bauchwandmetastase, genau dort, wo meine erste Metastase vor elf Jahren bereits meinen Bauchnabel gefordert hatte, war schlicht übersehen worden. Ich hatte sie sogar gespürt und einem Arzt gezeigt. Doch er tat sie als harmloses Narbengewebe ab, weil er den Radiologiebericht nicht gründlich genug gelesen hatte. Im Tumorboard wurde die Metastase dann ein zweites Mal übersehen. Ich, der doppelte Pechvogel.
Es war Freitagabend. Ein typischer Freitag, an dem schlechte Nachrichten bei uns Krebsbetroffenen besonders gern ankommen, um das ganze Wochenende mit Sorgen und Unsicherheit zu füllen. Zum Glück hielt mich am nächsten Tag eine Reise nach Berlin zu einem Workshop beim Eisvogel e.V. aufrecht. Kommunikation, mein Lieblingsthema. Diese Arbeit für gemeinnützige Organisationen macht mir unheimlich viel Spass, und ich mache das immer kostenfrei. Warum? Weil „gemeinsam“ für mich nicht nur eine Phrase ist, sondern auch Bedeutung hat. Wenn du einen Verein hast und Unterstützung brauchst, schreib mich gern an.
Montag bedeutete dann: zurück in die Realität. Telefonate, E-Mails, Termine koordinieren. Klarheit schaffen, Enttäuschungen verarbeiten und auch ein wenig Wut zulassen, ohne dabei den Blick für die strukturellen Probleme im Gesundheitssystem zu verlieren. Fehler passieren, und eine gute Fehlerkultur macht den Unterschied. Dass mein Ärzteteam offen und ehrlich mit mir umgegangen ist, tröstete mich zumindest ein bisschen.
Nächste Woche, ausgerechnet an meinem 49. Geburtstag, habe ich die OP-Vorbesprechung. Aber weißt du was? Ich feiere seit zwölf Jahren Geburtstage, von denen ich nie sicher sein konnte, ob sie mir noch geschenkt werden. Also werde ich auch diesen feiern. Trotz oder gerade wegen der neuen Metastase.
Doch dann, als hätte das Leben beschlossen, dass ein bisschen Glück auch mir zusteht, kam der Donnerstag. Das Highlight meines Jahres. Wir gewannen den Publikumspreis des SINN Innovationspreises für den Krebs Campus. Da standen wir, überwältigt und stolz auf der Bühne, fassungslos und dankbar, dass unsere jahrelange Arbeit gesehen und gewürdigt wird. Wir opfern seit drei Jahren Zeit, Geld und Nerven, weil wir glauben, dass niemand mit einer Krebsdiagnose allein sein sollte. Weil wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn man Freitagabend mit schlechten Nachrichten allein bleibt. Und genau dafür bauen wir den Krebs Campus auf, zusammen mit mittlerweile fast 600 wunderbaren Mitgliedern.
Wenn du für uns abgestimmt hast, geht mein herzlichster Dank heute direkt an dich. Du hast etwas ganz Großes mit möglich gemacht.
Jetzt bin ich müde, aber erfüllt. So eine Achterbahn kostet viel Kraft, schenkt aber auch viel Klarheit. Nächste Woche feiern wir zwei Geburtstage, den meiner Tochter Theda und meinen eigenen. Trotz neuer Metastase werden wir lachen, lieben und tanzen. Genau darum geht es doch: das Leben zu feiern, egal, wie stürmisch es gerade ist.
Schön, dass du an meiner Seite bist.
Mit viel Liebe,
deine Babett
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